Donnerstag, 6. Februar 2014

"Der Traumfänger"


Die Nacht war dunkel, schwarze Wolken bedeckten den Himmel. Kein einziger Stern wr zu sehen, und doch schien der Himmel auf eine seltsame, eigenwillige Art und Weise zu leuchten.
Kein Laut war zu hören; es war eine ruhige, angespannte Still, die durch kein noch so leises Geräusch gestört wurde.
Er stand auf dem Fensterbrett und spähte in den Raum hinein. Seine großen, hellen Augen durschnitten die Dunkelheit wie zwei leuchtende, blaue Sterne und erkannten jede Einzelheit seiner Umgebung.
Seine kurze Stupsnase zuckte. Ein unverwechselbares Aroma lag in der Luft; ein Duft nach süßen Kinderträumen.
Noch einmal spähte der Traumfänger durch die Fensterscheibe.
Da lag sie.
Ein kleines Mädchen, fünf, vielleicht sechs Jahre alt. Ihre dunklen Locken lagen verwuschelt um ihren kleinen Kopf herum und bedeckten zur Hälfte ihr friedlichs Gesicht.
Und noch etwas anderes konnte er sehen.
Träume.
Gute Träume.
Träume, die wie bunte Geister über ihrem winzigen Kopf schwebten.
Träume, wie sie jedes fröhliche, kleine Mädchen hatte.
Träume voller purer Glückseligkeit.
Träume, bunt wie Regenbögen, sprudelnd vor Freude.
Der Traumfänger leckte sich die Lippen.
Er streckte seine kleine, dunkelbehaarte Hand aus und legte sie auf das Glas, das ihn von diesen Träumen trennte.
Dann trat er hindurch, als würde er durch einen Wasserfall gleiten. Leicht und geschmeidig. Er spaziert einfach hindurch und war dabei lautlos wie ein Schatten.
Wieder schnüffelte der Traumfänger.
Der Duft, dieses wundervolle Aroma trat nun, noch deutlicher als zuvor, in seine Nase.
Langsam schlich er auf das Bett der Kleinen zu.
Seine spitzen Ohren zuckten; er hörte ihren süßen, gleichmäßigen Atem.
Sonst war alles still.
Er huschte über den Boden, weiter weg vom Fenster, immer mehr auf ihr Bett zu.
Ein Zipfel der rotkarierten Bettdecke hing über den Bettrand.
Der Traumfänger grapschte danach und begann, Stück für Stück nach oben zu klettern.
Die Träume wurden unruhig.
Sie spürten seine Anwesenheit.
Schnell kroch er zu ihrem Köpchen hinüber.
Der Geruch ihrer nächtlichen Gedanken zog ich magisch an.
Die Kleine zuckte unruhig.
Schnell schnappte er sich eine ihrer dunklen Haarsträhnen.
Die Träume über ihrem Kopf wurden immer unruhiger, sie schwebten hin und her, immer tief, bis sie nur wenige Zentimeter über dem friedlichen Gesicht der Kleinen schwebten.
Hastig nahm der Traumfänger einen alten Sack von den Schultern.
Er hob ihn über den Kopf und ließ ihn hinutersausen.
Ein einzelner Traum, dunkelgrün und schimmernd wie Fischschuppen, wild zuckend, war gefangen.
Der Beutel erzitterte, ächzte und wimmerte, doch er hielt.
Die Kleine verzog das Gesicht und stieß ein leises, klägliches Jammern aus.
Immerwieder ließ der Traumfänger seinen alten Sack heruntersausen, fing einen Traum nach dem anderen, immer und immer mehr, bis kein einziger mehr hinein passte.
Wieder wimmerte die Kleine, ein unglückliches, einsames Wimmern. Verlassen von all den schönen und glücklichen Träume war sie alleine in der kalten, dunklen Nacht zurückgeblieben.
Der Traumfänger verzog das Gesicht zu einem boshaften Grinsen.
Dann stieß er ein leises, keckerndes Lachen aus.
Die Kleine wimmerte immer noch, diesmal lief ihr auch eine einzige Träne aus dem Augenwinkel, die sofort in ihrem Haar versickerte.
Vor der Tür, auf dem Gang, ertönten hastige Schritte.
Der Traumfänger wirbelte herum, schnappte sich seinen Sack.
Das Licht ging an.
Er war verschwunden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen